Bericht Herwig Viechtbauer
Von Anfang März bis Ende Mai 2006 verbrachte ich 3 Monate in Singida. Vor diesem Aufenthalt hatte ich schon 8 Monate in Tansania verbracht, vier Monate davon studierte ich an der Universität in Dar es Salaam. Ich erlernte in dieser Zeit die Landessprache Kiswahili soweit, dass ich in der Lage war, mich zu unterhalten.
In Singida lernte ich Sybille Voggenhuber (SCSS), Amos Maliwa (CDTF) und die übrige Belegschaft kennen und bezog Quartier in dem kleinen Appartement am Compound des CDTF Office.
In den folgenden 3 Monaten hatte ich Gelegenheit, einen guten Einblick in die Arbeit der Städtepartnerschaft und deren tansanischen Partnerorganisation zu gewinnen. Ich wurde auch immer wieder aufgefordert, meine Meinung zu äußern und meinen Beitrag zu leisten. Es war interessant zu sehen, wie eine NGO (SCSS) im Spagat zwischen EU, ADA (Austrian Development Agency) und lokalen/nationalen Gegebenheiten operieren muss und welche Schwierigkeiten zu bewältigen sind.

Die recht mangelhaften technischen Bedingungen (Strom oder Internetverbindungen sind keineswegs selbstverständlich und nicht immer vorhanden), aber auch die Schwerfälligkeit der lokalen Behörden, macht den oftmals vorhandenen Termindruck zu einem großen Stressfaktor. In diesem Zusammenhang sind der persönliche und ständige Kontakt und eine straffe Organisation für eine nachhaltige Arbeit wichtig und ausschlaggebend.
Ich habe viele der in den letzten 22 Jahren entstandenen Projekte gesehen. Schulklassen, das bedeutende Wasserprojekt, Krankenstationen (Dispensaries) im ländlichen Raum, Frauenunterstützungsprojekte, den gerade entstehenden neuen Busbahnhof, die erste nicht kirchlich gebundene Schule für taubstumme Kinder Tansanias, mehrere Aufforstungs- und Wasserschutzprojekte und nicht zuletzt die Abfallentsorgung speziell für den großen Singida Tagesmarkt, haben Bedeutendes zur Entwicklung dieser ärmsten Region in Tansania beigetragen.
Ganz besonders habe ich mich der Problematik der "Straßenkinder" gewidmet. Wie diese Kinder täglich um ihr Überleben kämpfen, hat mich besonders berührt. Unter schwierigsten Umständen klammern sich diese Kinder an das einzige, das sie haben, ihr Leben. Dennoch lächeln sie. Erst mit der Zeit lernt man, aus diesem Lachen ein wenig ihren schweren Lebensweg abzulesen. Diesen Kindern zuzuhören, sich ihrer Problematik zu stellen, da zu sein, wenn sie sprechen möchten, aber auch mit ihnen gemeinsam zu blödeln und zu lachen, teilzunehmen an ihrem täglichen Kampf in einer ihnen meist feindlich gesinnten Welt der Erwachsenen, wird von ihnen dankbar angenommen. Diese Eindrücke sind die nachhaltigsten aus meinem Aufenthalt in Singida.Im provisorischen Straßenkinderheim der Malezi-Society, in dem Kinder aus besonders schweren sozialen Verhältnissen leben, in die Schule gehen und in der Gemeinschaft den Alltag bewältigen, habe ich Englisch unterrichtet, mit den Kindern gekocht und gespielt. Es ist wundervoll zu sehen, wie diese Kinder aufeinander acht geben, einander helfen, mit wie viel Begeisterung sie lernen. Die Lebensfreude und Energie, welche diese Kinder an den Tag legen, wie sie mit ihrer Situation umgehen, das alles habe ich als sehr ergreifend empfunden. Ein Minimum an Normalität wird ihnen in diesem Heim geboten und gibt der Hoffnung Nahrung, dass sich aus diesen Kindern einmal ganz normale, eigenständige Bürger entwickeln, die ihre eigenen Familien gründen und überleben können.
Wichtig war für mich auch, den Kontakt mit den Menschen zu pflegen, die mir täglich begegnet sind, mir und ihnen die Möglichkeit zu geben, das Fremde, oftmals Missverständliche des anderen zu erforschen. Es ist einfach, mit den Menschen in Kontakt zu kommen. Das Leben spielt sich auf der Straße ab. Man spricht einfach jeden an, den man auf der Straße trifft und anreden will. Schon durch die Form der üblichen Anrede (Gleichaltrige werden mit Schwester oder Bruder angesprochen, ältere Manschen als Mama, Baba oder Mzee (Alter)) ist das aufeinander Zugehen leicht.
Ich habe viel dazugelernt, was gegenseitige Vorbehalte und Klischees anbelangt. Welche Probleme entstehen können, mit welchen Stereotypen man konfrontiert wird, war anfänglich für mich gar nicht vorstellbar. Welcher Unterschied sich zwischen meinen finanziellen Möglichkeiten und denen der normalen Bevölkerung in Singida auftut, ist unglaublich. Was es bedeutet, mit diesen Mitteln zu leben, war und ist für mich nicht vollständig nachvollziehbar. Dennoch habe ich am Alltag der Singidianer intensiv teilgenommen, mich wohl gefühlt in diesem sozialen Gefüge und konnte dies auch vermitteln. Die Frage, woher die Afrikaner ihre Lebensfreude nehmen, wird wohl jeder für sich selbst beantworten müssen. Schön ist es in jedem Fall zu sehen, wie herzlich sie lachen können und wie unmittelbar sie mit dem Leben in Verbindung stehen.
Für die Möglichkeit, all das gesehen und erlebt zu haben, danke ich der Städtepartnerschaft Salzburg-Singida und vor allem Sybille Voggenhuber von ganzem Herzen.
Text: Herwig Viechtbauer
Voluntariatsbericht: Christoph Schwaighofer